Geheiminis Resilienz: Was Resilienz (nicht) kann

Resilienz-Training für Führungskräfte, Resilienz-Übungen für Zwischendurch, Ernährung, die Resilienz fördert: Resilienz liegt im Trend und wird als die ultimative Wunderwaffe gegen Stress, Burnout und Überbelastung angepriesen. Vom Kindergartenkind bis zum CEO kann scheinbar jeder jederzeit Resilienz aufbauen.
Doch bevor Sie sich mit Ratgebern und Fortbildungsangeboten eindecken: Lesen Sie den folgenden kritischen Beitrag von Psychologen Mag. Johannes Schröer um zu erfahren, was Resilienz tatsächlich ist und (nicht) kann.

Was ist Resilienz?

Unter dem Begriff Resilienz versteht man in der Psychologie die psychische Widerstandsfähigkeit gegen die Folgen von Konflikten, Krisen und Schicksalsschlägen. Manchmal wird auch vom „Immunsystem der Seele“ gesprochen.

Es geht also nicht um eine „Unverwundbarkeit”, sondern um die Fähigkeit, nach Belastungen wieder auf die Beine zu kommen und das eigene Leben trotz Widerständen erfolgreich zu meistern. Resilienz bedeutet also keineswegs Gefühlslosigkeit.

Ein Mensch mit hoher Resilienz wird auch aversive Gefühle wie Trauer oder Wut nicht verdrängen, sondern sie als natürliche Konsequenz akzeptieren und lernen, sie nachhaltig zu verarbeiten.

Wie entsteht Resilienz, bzw. was kann Resilienz?

Die Fähigkeit zur Resilienz entsteht im Wesentlichen aus zwei Gruppen von Faktoren:

  1. Persönlichen Fähigkeiten (z. B. Optimismus, Lösungsorientierung u.v.m.) 
  2. Umwelt- (Kulturkreis, Soziales Umfeld usw.) und Situationseinflüssen (z.B. Art der Belastung)

psychologische Widerstandsfaehigkeit

Resilienz ist also immer eine individuelle Fähigkeit, die durch die eigene Biografie und Persönlichkeit bedingt ist.

Auf persönlicher Ebene sind Eigenschaften wie der Glaube an die eigenen Fähigkeiten und an die Möglichkeit, sein Leben selbst beeinflussen zu können, wichtige Komponenten von Resilienz.

Die Fähigkeit, bei Problemen nicht zu viel mit dem eigenen Schicksal zu hadern, sondern sich realistische und erreichbare Ziele zur Veränderung der belastenden Situation zu setzen und diese konsequent zu verfolgen, zählt ebenfalls zu den grundlegenden Säulen des Resilienz-Konzeptes.

Hilfreich sind ebenso ein unterstützendes soziales Netzwerk und eine optimistische Grundeinstellung. Auch durch Selbstreflexion aus der eigenen Vergangenheit zu lernen und zu erkennen, welches Verhalten nützlich und welches hinderlich war, ist Teil einer ausgeprägten Resilienz.

Wie kann man Resilienz lernen und: Kann das jeder?

Prinzipiell ist es möglich, die eigene Resilienz zu stärken, unabhängig vom Alter. Während man meist keinen Einfluss auf die Art der Krise hat und auch die Lebensumwelt nur bis zu einem gewissen Grad selbst umgestalten kann, lassen sich die persönlichen Fähigkeiten sehr wohl verändern. So kann z.B. gezielt das soziale Netzwerk erweitert werden, beispielsweise durch die Mitgliedschaft in Vereinen u. ä.

Der zielführende Umgang mit den eigenen Gefühlen, realistische Zielsetzungen, hilfreiche Kommunikationsmuster und Problemlösungsstrategien lassen sich ebenso erlernen. Dabei können professionelle Fachkräfte wie z. B. PsychologInnen Unterstützung bieten.

Letztlich sind aber auch den Lernmöglichkeiten Grenzen gesetzt: Manche angeborene Eigenschaften wie etwa das Temperament oder andere genetisch bedingte Grundeigenschaften lassen sich zwar teilweise kompensieren, aber nicht vollkommen negieren.

Wie kann man Resilienz schon im jungen Alter fördern?

Selbstwert, Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit bei Kindern zu fördern, ist eine grundlegende Aufgabe von Eltern und Erziehenden zur Gewährleistung einer positiven Entwicklung. Diese Eigenschaften sind eben auch integrale Bestandteile von psychischer Resilienz. Um Resilienz bei Kindern zu fördern, können Eltern beispielsweise

  • ihnen vorleben, wie sie selbst auf positive Art mit ihren Problemen umgehen,
  • den Kindern helfen, deren eigene Lösungsstrategien zu aktivieren und ihnen dabei emotionale Unterstützung geben

 

Besonders wichtig sind positive funktionale Beziehungen sowohl innerhalb als auch außerhalb der Familie. Bei Kindern aus dysfunktionalen Familien haben sich Mentoring-Programme, die außerfamiliäre Beziehungen zu fürsorglichen Erwachsenen ermöglichen, als besonders wirksam erwiesen.

Resilienz gegen Burnout, Überbelastung und überhaupt

Eine sich stetig und immer schneller verändernde Umwelt und die damit einhergehenden Anforderungen „zu funktionieren”, insbesondere in der Arbeitswelt, überfordern herkömmliche Bewältigungsstrategien und erhöhen die subjektiv wahrgenommene Belastung.

Daraus resultiert der Wunsch, alle Belastungen einfach „wegzuverarbeiten“. Prinzipiell ist es eine gesunde Einstellung, den Fokus lösungsorientiert auf die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu richten und aktiv gegen Widrigkeiten vorzugehen.

Was kann Resilienz nicht?

Gefährlich wird es, wenn die Einstellung entsteht, es wäre möglich, sämtliche schlimmen Erlebnisse gänzlich unbeschadet zu überstehen. Problematisch ist vor allem der Umkehrschluss, dass Menschen selbst daran Schuld seien, wenn sie leiden – sie hätten ihre Resilienz ja „besser” trainieren können. Niemals sollte das Konzept der Resilienz das Annehmen von Hilfe erschweren.

Zusätzlich besteht beim Resilienz-Gedanken die Versuchung, die Gesellschaft, bzw. das soziale Umfeld ganz aus der Verantwortung zu ziehen:

Eine resiliente Persönlichkeit ist in der Lage, Möglichkeiten zu ergreifen und ihre Ziele umzusetzen. Wenn es aber keine Möglichkeiten gibt (z.B. aufgrund der wirtschaftlichen Verhältnisse), stoßen auch resiliente Menschen an ihre Grenzen.

Resilienz-Begriffsgeschichte:
Die Kauai-Studie

Bei der berühmten „Kauai-Studie“ der Entwicklungsforscherin Emmy Werner in den 1970ern wurde die Entwicklung von 700 Kindern auf der Hawaii-Insel Kauai über einen Zeitraum von 40 Jahren mitverfolgt. Ein Teil der Kinder wuchs unter schwierigen sozialen Verhältnissen auf. Zwei Drittel dieser Kinder entwickelten als Jugendliche problematische Verhaltensmuster oder Lernstörungen.

Ein Drittel der Kinder hatte jedoch kein Problem, sich ins soziale Umfeld zu integrieren und entwickelte sich, entgegen den Erwartungen, positiv. Daraus wurde die Schlussfolgerung gezogen, dass schwierige Lebensumstände nicht automatisch einen negativen Effekt auf die Entwicklung haben müssen. Bestimmte Strategien und Eigenschaften befähigten die Jugendlichen, zu selbstständigen, erfolgreichen Persönlichkeiten heranzuwachsen.

 

Mag. Johannes Schröer, Klinischer Psychologe und Gesundheitspsychologe, ist bei der MAG ELF (Amt für Jugend und Familie) tätig und schreibt Beiträge für das Werk „Praxishandbuch Kinder-und Jugendschutz”. Er arbeitet diagnostisch und beratend mit Kindern, Jugendlichen und Familien im Bereich der ambulanten und stationären Kinder- und Jugendhilfe.

 

 

Literatur/Links

Kaiser, Beatrix (2013): „Resilienz: Was macht Kinder stark?“ In: Freiberger, A.M; Mandl, P; Schwarzinger, F. (Hrsg): Praxishandbuch Kinder-und Jugendschutz, Wien: Forum, Kapitel 8.1


Weitere Infos finden Sie unter www.resilienz.at

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